Der Placebo-Effekt wird oft missverstanden. Viele Leute halten ihn für etwas Schlechtes, da sie davon ausgehen, dass der Effekt keine echte Wirkung hat. Das stimmt so nicht, denn der Placebo-Effekt wirkt sehr wohl – und zwar positiv, da er echte Verbesserungen erzeugen kann. Wenn man versteht, was er wirklich ist und wie er funktioniert, kann man ihn sogar gezielt für sich nutzen. Einen Teil seines schlechten Rufs hat der Placebo-Effekt seinem „bösen Zwilling“ – dem Nocebo-Effekt – zu verdanken, mit dem er häufig entweder verwechselt oder in einen Topf geworfen wird.

In diesem dritten Teil der Beitragsreihe zu bekannten psychologischen Phänomenen werfen wir einen genaueren Blick auf beide Effekte.

Placebo- & Noceboeffekt – Was ist das und was sind die Unterschiede?

Definitionen:

  • Als Placebo werden Präparate ohne aktiven Wirkstoff bzw. Behandlungen bezeichnet, die keine nachweisliche spezifische Wirkung haben. Placebos sind demnach Scheinpräparate oder -interventionen ohne pharmakologisch aktive Bestandteile, deren Wirkung vor allem über psychologische und neurobiologische Mechanismen vermittelt wird.
  • Beim Placebo-Effekt führen positive Erwartungen zu einer Verbesserung des Zustands einer Person oder erhöhen die Wirkung einer Behandlungsmaßnahme.
  • Der Nocebo-Effekt ist das negative Gegenstück dazu: Hier kann alleine die Erwartung von negativen Folgen zu einer Verschlechterung des Zustands führen.
  • Der Placebo-Effekt wird meistens mit medizinischen Maßnahmen in Verbindung gebracht. Er kann aber auch in völlig alltäglichen Situationen auftreten. Die aktive Reaktion auf ein Placebo – egal in welche Richtung – wird auch „Placebo-Antwort“ genannt.
    Der Effekt funktioniert übrigens nicht nur bei Menschen, sondern sogar bei Tieren.

Beispiele:

  • Medizinisch – Placebo: Patienten berichten von einer Schmerzlinderung nach Einnahme von Zuckerpillen oder homöopathischen Globuli, wenn sie fest von deren Wirksamkeit überzeugt sind.
  • Medizinisch – Nocebo: Probanden von Medikamentenstudien entwickeln Kopfschmerzen oder Schwindel, nachdem sie über mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments informiert wurden – selbst wenn sie nur ein Placebo bekommen.
  • Alltags-/nicht-medizinisch – Placebo: Schüler erzielen bessere Testergebnisse, wenn sie überzeugt sind, dass ein „Gehirn-Booster-Drink“ ihre Konzentration steigert – obwohl es sich nur um bunt gefärbtes, aromatisiertes Wasser handelt.
  • Alltags-/nicht-medizinisch – Nocebo: Menschen, die davon überzeugt sind, dass Mobilfunkstrahlung schädlich ist, berichten über Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Tinnitus, wenn sie in der Nähe von Funkmasten leben – auch dann, wenn der verdächtigte „Übeltäter“ gar nicht eingeschaltet ist und somit keine objektive Belastung vorliegen kann.

Ursprung: Das Wort Placebo bedeutet übersetzt so viel wie „Ich werde gefallen“. Bereits Mediziner in der Antike wussten um die positive Wirkung von Scheinbehandlungen und nutzten Rituale, Symbole und Überzeugungen, um Genesungsprozesse zu unterstützen. Erstmals medizinisch beschrieben wurde der Placebo-Effekt im 18. Jahrhundert durch den schottischen Arzt William Cullen. Systematisch erforscht wird der Effekt er seit den 1950er-Jahren.

Zentrale psychologische Mechanismen:

  • Erwartungseffekte: Beide Effekte leben davon, was sich Personen von einer Behandlung oder einem Hilfsmittel im Alltag versprechen. Auch ohne objektiv vorhandene Wirkmechanismen kann die Erwartung, dass eine Behandlung (nicht) helfen wird, zu einer Verbesserung bzw. Verschlechterung eines Zustands führen.
    Ein Grund dafür liegt in biochemischen Prozessen in unserem Gehirn:
    • Positive Erwartungen aktivieren dort Belohnungs- und Schmerzmodulationsnetzwerke (z. B. endogene Opioide)
    • Negative Erwartungen hingegen stimulieren Angst- und Stressnetzwerke.

  • Klassische Konditionierung:  Wiederholte frühere Erfahrungen, dass bestimmte Hilfsmittel eine positive Wirkung haben, erzeugen einen Lerneffekt, der klassische Konditionierung genannt wird. Er sorgt dafür, dass unser Gehirn automatisch bestimmte Reize in unserer Umgebung (z. B. den Geschmack eines Medikaments) mit einer körperlichen Reaktion verknüpft. Diese gelernten Reaktionen können dann auch von Scheinbehandlungen ohne pharmakologisch aktive Substanz oder nachweisliche Wirkung ausgelöst werden. Ein Teil des Placebo-Effekts entsteht also aus Vorerfahrungen mit echten Wirkstoffen.

  • Soziale Einflüsse: Ärztliche Kommunikation, das Beobachten anderer Personen, die die gleiche Behandlung bekommen, und kulturelle Kontexte prägen die Erwartungshaltung und damit die Stärke von Placebo- und Nocebo-Effekten. Besonders das Arzt-Patienten-Verhältnis ist eine unterschätzte Stellschraube.
    Wenn Behandelnde sich ausreichend Zeit nehmen und Gespräche auf Augenhöhe führen, fördert das Vertrauen und lindert Ängste und wirkt somit dem Nocebo-Effekt entgegen. Gleichzeitig bewerten Patienten, die sich ernst genommen fühlen, eine Therapie als qualitativ hochwertiger und entwickeln entsprechend positive Erwartungen, was die Ergebnisse angeht – was wiederum den Placebo-Effekt begünstigt.

  • Psychologische Eigenschaften: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können die Wahrscheinlichkeit von Placebo- oder Nocebo-Reaktionen verstärken.
    • Optimismus, Empathie, Offenheit für Erfahrungen und eine gewisse Suggestibilität sind positiv mit dem Placebo-Effekt verknüpft.
    • Hohe Ängstlichkeit, Pessimismus, ausgeprägte Sensibilität für körperliche Symptome sowie ein Hang zu katastrophisierendem Denken („leichte Kopfschmerzen? – bestimmt ein Schlaganfall!“) können negative Erwartungen verstärken – und damit auch Nocebo-Reaktionen.

Kurz: Placebo- und Nocebo-Effekte entstehen durch ein Zusammenspiel mehrere Mechanismen. Erwartungen spielen dabei eine zentrale Rolle, sind aber nicht der einzige Wirkmechanismus. Lernprozesse durch frühere Erfahrungen, soziale Faktoren und individuelle Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen ebenfalls die Stärke der Effekte.

Antidotes

„Antidotes“ beziehen sich in diesem Fall eigentlich nur auf den Nocebo-Effekt. Da der Placebo-Effekt etwas Gutes ist, geht es bei ihm im Gegenteil darum ihn zu fördern und richtig für sich zu nutzen.

Aufklärung über Wahrnehmung und Selbstsuggestion: Soziale Aufklärung darüber, dass menschliche Wahrnehmung durch Überzeugungen geprägt ist und dass sowohl positive als auch negative Selbstsuggestion reale Wirkungen haben kann. Das ermöglicht, den Placebo-Effekt auch in anderen Lebensbereichen für sich zu nutzen, z. B. zur Leistungssteigerung im Sport.

Transparenz bei Scheinbehandlungen: Transparenz im Umgang mit Behandlungen, die nachweislich keine spezifische Wirkung haben. Der Placebo-Effekt ist zwar positiv, aber einem erwachsenen Menschen ein Placebo ohne Aufklärung zu verschreiben, ist unethisch. Genau das ist im Bereich der Alternativmedizin jedoch häufig der Fall.

Offene und realistische Vermittlung medizinischer Maßnahmen sowie Erwartungsmanagement durch klare, ausgewogene Arzt-Patient-Kommunikation helfen, den Nocebo-Effekt zu minimieren.

  • Dazu zählt z.B. positives Framing von Nebenwirkungen, wodurch Ängste reduziert werden können, ohne die Aufklärungspflicht zu verletzen. Z.B. bei eigentlich risikoarme Medikament, bei denen aber die Liste der sehr seltenen, aber möglichen Nebenwirkungen gefühlt die Hälfte des Beipackzettels ausmacht.

Gefällt dir meine Arbeit? Du kannst mich und meinen Blog auf Ko-Fi unterstützen:


Vorangegangene Teile der Beitragsserie:

Quellen

Corsi, N., & Colloca, L. (2017). Placebo and nocebo effects: the advantage of measuring expectations and psychological factors. Frontiers in psychology8, 308. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00308
Link

Frisaldi, E., Piedimonte, A., & Benedetti, F. (2015). Placebo and nocebo effects: a complex interplay between psychological factors and neurochemical networks. American Journal of Clinical Hypnosis57(3), 267-284. https://doi.org/10.1080/00029157.2014.976785
PDF

Frisaldi, E., Shaibani, A., & Benedetti, F. (2020). Understanding the mechanisms of placebo and nocebo effects. Swiss Medical Weekly150(3536), w20340-w20340. https://doi.org/10.4414/smw.2020.20340

PDF

Petrie, K. J., & Rief, W. (2019). Psychobiological mechanisms of placebo and nocebo effects: pathways to improve treatments and reduce side effects. Annual review of psychology70(1), 599-625. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-010418-103297
Link

Websites:

Quarks. (n.d.).

So funktioniert der Placebo-Effekt. https://www.quarks.de/gesellschaft/wissenschaft/so-funktioniert-der-placebo-effekt/

treatment-expectation.de. (n.d.).

Die Geschichte der Placeboforschung. https://treatment-expectation.de/entdecken-mitmachen/erwartungen-nutzen/124-die-geschichte-der-placeboforschung

Swiss Medical Weekly. (2020, September 1).

Understanding the mechanisms of placebo and nocebo effects. https://smw.ch/index.php/smw/article/view/2865

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert