Warum wir oft glauben, dass „alle anderen“ genauso denken wie wir (und warum das ein Trugschluss ist): Der False-Consensus-Effekt beschreibt die menschliche Neigung, die Verbreitung der eigenen Meinung zu überschätzen. Er entsteht durch eine Mischung aus kognitiven Abkürzungen, sozialen Verzerrungen und Selbstschutzmechanismen – und beeinflusst, wie wir politische Debatten, Alltagsentscheidungen und unser Gegenüber wahrnehmen.
Dezember 7, 2025
„Jeder trinkt morgens Kaffee.“
Angesichts der Tatsache, dass Kaffee statistisch gesehen (nach Wasser) das Lieblingsgetränk der Deutschen ist und ordnet sich als Grundnahrungsmittel irgendwo zwischen Brot, Luft und existenzieller Notwendigkeit ein. Die Aussage kommt normalerweise von Kaffeetrinkern, die unbewusst annehmen, dass der Rest der Welt ihre morgendliche biochemische Abhängigkeit teilt. In Irland oder Japan werden sie mit dem Statement allerdings potenziell gegen eine Wand rennen.
Der Trugschluss, dass die eigene Ansicht das Meinungsbild der breiten Masse widerspiegelt nennt sich False-Consensus-Effekt. Und um genau diesen geht es im fünften Teil dieser Reihe zu bekannten Effekten und Phänomenen.
Beitrags-Serie: Von Dunning-Kruger bis Placebo—Die Psychologie hinter bekannten Effekten
Von Dunning-Kruger über Placebo- bis hin zum Backfire-Effekt – Diese Beitragsserie wirft jede Woche einen Blick darauf, wie solche Phänomene…
Der False-Consensus-Effekt
Definition: Der False-Consensus-Effekt beschreibt die Tendenz von Menschen, zu überschätzen, wie stark ihre eigenen Einstellungen, Überzeugungen und Verhalten in der Allgemeinbevölkerung verbreitet sind oder auf Zustimmung treffen würden. Vereinfacht gesagt, Menschen überschätzen, wie stark andere ihre Meinung, Werte oder Verhaltensweisen teilen und nehmen an, dass die eigene Sichtweise „normal“ oder „typisch“ sei – selbst dann, wenn objektive Daten das wiederlegen.
Ursprung: Der Effekt wurde erstmals von Lee Ross et al. (1977) im Rahmen ihrer Forschung zu Urteilsverzerrungen beschrieben. Sie waren Teil einer breiteren Bewegung in der Sozialpsychologie, die nachweisen wollte, dass Menschen in sozialen Kontexten die Objektivität ihrer Urteile stark überschätzen.
Beispiel: Personen, die eine bestimmte politische Ideologie stark unterstützen, gehen gerne davon aus, dass sie die Meinung der „vernünftigen Mehrheit“ vertreten und dass die meisten ihrer Freunde und Kollegen entsprechend ähnliche Ansichten teilen.
Zentrale psychologische Mechanismen:
Kognitive Basismechanismen
- Egonzentrischer Bias (Selbst-als-Anker-Heuristik)
Menschen nutzen ihre eigenen Überzeugungen, Präferenzen und Verhaltensweisen als kognitiven „Anker“ und projizieren sie dadurch auf andere. Der eigene Standpunkt wird als Baseline genutzt, an dem alles andere als Abweichung gemessen wird. Man empfindet sich sozusagen als Prototyp der breiten Masse oder relevanten Gruppe.
- Selektive Verfügbarkeit (Availability-Heuristik)
Die eigenen Handlungen, Einstellungen und Argumente sind im Gedächtnis besonders stark verankert und dadurch entsprechend schnell und leicht zugänglich. Sie werden dadurch auch zur ersten Informationsquelle, wenn wir über andere Urteilen und dienen so als Daumenregel (auf klug: Heuristiken) für Häufigkeit und Normativität. In der Realität übersetzt sich das dann in den Trugschluss „wenn mir viele Gründe für meine Position einfallen, muss sie verbreitet sein.“ Während der egonzentrische Bias beschreibt, dass das Selbst als Referenzpunkt dient, betont die Availability-Heuristik wie stark die Leichtigkeit des Abrufs dieses Selbstwissens Häufigkeitseinschätzungen verzerrt.
- Attributionsprozesse und „causal focus“
Der False-Consensus-Effekt wird systematisch davon beeinflusst, auf welche Ursachen Menschen ihr eigenes Verhalten zurückführen. Entscheidend ist dabei der sog. causal focus, also ob sich Personen dabei gedanklich eher auf situative Faktoren oder auf persönliche Gründe konzentrieren. Je stärker sie ihr Verhalten auf situative Umstände zurückführen, desto eher glauben sie, dass andere in derselben Situation genauso handeln würden. Wird die Aufmerksamkeit dagegen auf persönliche, individuelle Ursachen gelenkt, nimmt der False-Consensus-Effekt ab, da solche Gründe als weniger typisch eingeschätzt werden.
Soziale Strukturen und Gruppenprozesse
- Rückzug in Echokammern / selektive Exposition und Netzwerkhomophilie
Menschen umgeben sich überproportional mit Gleichgesinnten (Freunde, soziale Medien, Milieus), was zu einer verzerrten Stichprobe der „sozialen Realität“ führt. Dieses homogenisierte soziale Umfeld verstärkt den Eindruck, die eigene Sichtweise sei weit verbreitet. Oder etwas flapsiger gesagt: wer sich nur mit Ja-Sagern umgibt, wird selten mit anderen Perspektiven konfrontiert.
- Ingroup-Projektion und soziale Identität
Der wahrgenommene Konsens bezieht sich besonders stark auf die eigene Ingroup. Die eigene Position wird als repräsentativ für die Gruppe gesehen; gleichzeitig werden Abweichungen in Outgroups überbetont.
Motivationale Hintergründe
- Selbstwertschutz und Bedrohung des Selbst
Besonders stark tritt der Effekt auf, wenn die eigene Position für das Selbstbild wichtig ist. Wenn die eigene Haltung oder Verhalten eine Rolle dabei spielt, ob man sich z.B. als guter Mensch sieht, wird diese Einschätzung durch abweichende Meinungen bedroht. Anzunehmen, dass die überwiegende Mehrheit ähnlich denkt und handelt, stabilisiert dann das Gefühl, „vernünftig“ oder „im Mainstream“ zu liegen.
- Motiviertes Schließen / Motivated Reasoning
Menschen verarbeiten Informationen nicht neutral, sondern zielgerichtet. Dadurch ziehen wir bevorzugt Schlussfolgerungen, die mit bereits bestehenden Einstellungen sowie unserem Selbstbild und unseren Bedürfnissen vereinbar sind. Das verleitet zu Cherry-Picking bei der Suche nach Informationen, die dann anhand bestehender Überzeugungen gedeutet, interpretiert und gewichtet werden. Wenn wir also z. B. das Ziel haben, uns selbst zu bestätigen, dass die eigenen Einstellungen „vernünftig“ sind und von vielen geteilt werden, bevorzugen wir Informationen, die diese Schlussfolgerung untermauern. Das äußert sich u. a. durch:- Leichteres Abrufen von Erinnerungen an Gleichgesinnte oder vergangene Situationen, die die eigene Meinung weit verbreitet erscheinen lassen
- Systematisches Entwerten von abweichenden Meinungen, wodurch der eigene Standpunkt normativer erscheint, als er tatsächlich ist
- Aktives Konstruieren einer Vorstellung davon, was „die meisten“ denken. Diese Vorstellung wird dann so geformt, dass sie die eigenen Überzeugungen validiert.
Kurz: Der False-Consensus-Effekt entsteht durch eine Kombination aus kognitiven Heuristiken (z. B. Egonzentrik, Verfügbarkeits- und Attributionsmuster), sozialen Verzerrungen (Echokammern, Ingroup-Projektion) und motivationalen Prozessen (Selbstwertschutz, motiviertes Schließen).
Diese Mechanismen führen dazu, dass Menschen ihre eigene Sichtweise für weiter verbreitet halten, als sie tatsächlich ist. Der Effekt ist eine hochrobuste Verzerrung, die besonders dann auftritt, wenn Einstellungen identitätsrelevant, emotional aufgeladen oder sozial risikobehaftet sind.
Antidotes:
- Objektive Daten nutzen: Der False-Consensus-Effekt reduziert sich deutlich, wenn Personen mit verlässliche Informationen über tatsächliche Mehrheitsverhältnissen konfrontiert werden wie z.B. repräsentative Umfragen oder Statistiken.
- Soziale Diversität erhöhen: Untersuchungen zu Netzwerkdiversität belegen, dass Personen, die in pluraleren Netzwerken eingebettet sind oder aktiv mit Fremdgruppen interagieren, eine realistischere Einschätzung von Meinungsverteilungen entwickeln.
- Perspektivwechsel üben: Aktives Einnehmen fremder Sichtweisen senkt die Tendenz, eigene Ansichten als typisch anzusehen. Schon sich kurz zu fragen „Was könnten andere denken – und warum?“ reduziert die eigener Einstellungen auf andere.
- Eigene Gründe „unpacken“: Wer sich bewusst macht, dass eigene Einstellungen und Verhalten auf individuellen und damit nicht-verallgemeinerbare Ursachen beruht, überträgt seine Meinung weniger fälschlich auf andere.
- Gegenargumente prüfen: Studien zu „consider-the-opposite“-Strategien zeigen, dass Menschen die Verbreitung ihrer Ansichten weniger überschätzen, wenn sie aktiv versuchen, die Perspektive der Gegenseite mitzudenken und sich mit konkurrierende Argumente auseinandersetzen. Besonders effektiv ist der Effekt, wenn die abweichende Position vorher als plausibel dargestellt wird.
- Aufklärung und Metakognitive Achtsamkeit: Wissen über den Effekt selbst und seine Ursachen (z.B. Selbstwertschutz) reduziert seine Stärke, da es ermöglicht zu reflektieren, ob man Dinge vielleicht zu sehr durch eine „Ego-Brille“ betrachtet.
Quellen
Cadinu, M., & Rothbart, M. (1996). Self-anchoring and differentiation processes in the minimal group setting. Journal of Personality and Social Psychology, 70(4), 661–677.
Galinsky, A. D., & Moskowitz, G. B. (2000). Perspective-taking: Decreasing stereotype expression, stereotype accessibility, and in-group favoritism. Journal of Personality and Social Psychology, 78(4), 708–724.
Gilovich, T., Jennings, D. L., & Jennings, S. (1983). Causal focus and estimates of consensus: An examination of the false-consensus effect. Journal of Personality and Social Psychology, 45(3), 550–559.
Hanel, P. H. P., Maio, G. R., & Manstead, A. S. R. (2019). Everyday beliefs about others: Stereotypes, false consensus, and norm misperceptions. Current Opinion in Psychology, 12, 79–84.
Kahan, D. M. (2013). Ideology, motivated reasoning, and cognitive reflection. Judgment and Decision Making, 8(4), 407–424.
Krueger, J., & Clement, R. W. (1994). The truly false consensus effect: An ineradicable and egocentric bias in social perception. Journal of Personality and Social Psychology, 67(4), 596–610.
Krueger, J. I. (2007). From social projection to social behavior. European Review of Social Psychology, 18(1), 1–35.
Kunda, Z. (1990). The case for motivated reasoning. Psychological Bulletin, 108(3), 480–498.
Leviston, Z., Walker, I., & Morwinski, S. (2013). Your opinion on climate change might not be as common as you think. Nature Climate Change, 3(4), 334–337.
Lord, C. G., Lepper, M. R., & Preston, E. (1984). Considering the opposite: A corrective strategy for social judgment biases. Journal of Personality and Social Psychology, 47(6), 1231–1243.
Moore, D. A., & Small, D. A. (2007). Error and bias in comparative judgment: On being both better and worse than we think we are. Journal of Personality and Social Psychology, 92(6), 972–989.
Nyhan, B., & Reifler, J. (2015). Displacing misinformation about events: An experimental test of causal corrections. Journal of Experimental Political Science, 2(1), 81–93.
Pronin, E., Gilovich, T., & Ross, L. (2004). Objectivity in the eye of the beholder: Divergent perceptions of bias in self versus others. Psychological Review, 111(3), 781–799.
Robbins, J. M., & Krueger, J. I. (2005). Social projection to ingroups and outgroups: A review and meta-analysis. Psychological Bulletin, 131(3), 403–432.
Ross, L., Greene, D., & House, P. (1977). The “false consensus effect”: An egocentric bias in social perception and attribution processes. Journal of Experimental Social Psychology, 13(3), 279–301.
Sherman, S. J., Presson, C. C., & Chassin, L. (1984). Mechanisms underlying the false-consensus effect: The special role of threats to the self. Journal of Experimental Social Psychology, 20(4), 350–362.
Steiner, N. D. (2024). What the public really thinks? False consensus beliefs and their political relevance. Political Psychology. Advance online publication.
Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232.
Van Boven, L., Judd, C. M., & Sherman, D. K. (2018). Political polarization: From psychology to policy. Science, 359(6383), 335–336.*
Wojcieszak, M. (2012). Transnational connections: The role of cross-cutting discussion in false consensus and misperceptions of public opinion. International Journal of Public Opinion Research, 24(2), 176–197.
Gefällt dir meine Arbeit? Du kannst mich und meinen Blog hier unterstützen:
Psychologie hinter bekannten Effekten Teil 4: Placebo- und Noceboeffekt
Der Placebo-Effekt wird oft missverstanden. Viele Leute halten ihn für etwas Schlechtes, da sie davon ausgehen, dass der Effekt keine…
Psychologie hinter bekannten Effekten Teil 3: Der Barnum-Effekt
Ihre ganz individuelle Persönlichkeitsanalyse: „Sie haben ein starkes Bedürfnis, von anderen Menschen gemocht und bewundert zu werden. Sie neigen dazu,…
Psychologie hinter bekannten Effekten Teil 2: Dunning-Kruger-Effekt
Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt die Fehleinschätzung der eigenen Kompetenzen. Er zeigt, dass Unwissenheit nicht nur häufig ist, sondern oft verborgen bleibt,…