Warum Verbote oft genau das Gegenteil bewirken: Der Streisand-Effekt beschreibt, wie Versuche der Informationsunterdrückung Aufmerksamkeit erst erzeugen. Was verborgen, geschwärzt oder gelöscht werden soll, wirkt plötzlich verdächtig, wichtig oder besonders relevant – und verbreitet sich gerade deshalb schneller.

Wenn es eine todsichere Methode gibt, Menschen neugierig zu machen, dann ist es der offensichtliche Versuch etwas zu verbergen – vor allem im Internet. Sobald Inhalte zurückgehalten, geschwärzt oder juristisch abgeschirmt werden, nimmt das Interesse daran oft erst richtig Fahrt auf. Ein aktuelles (un)schönes Beispiel sind die aktuellen Diskussionen rund um die Epstein Files: Je stärker versucht wurde, das Thema unter den Tisch zu kehren, desto lauter wurden die Forderungen nach vollständiger Veröffentlichung – und desto größer die Aufmerksamkeit für das, was angeblich nicht gesehen werden soll.

Der psychologische Mechanismus dahinter ist gut bekannt. Er nennt sich Streisand-Effekt – und um den geht es in diesem siebten Teil der Beitragsreihe zu bekannten psychologischen Phänomenen.

Der Streisand-Effekt

Definition: Der Streisand-Effekt beschreibt das Paradox, dass Versuche Informationen zu unterdrücken oder zu löschen, dazu führen dazu, dass genau diese Informationen mehr Aufmerksamkeit erhalten und sich weiter verbreiten als es ohne Zensurversuche der Fall gewesen wäre.

Ursprung: Benannt nach Barbara Streisand, die 2003 versuchte, ein Foto ihres Hauses aus dem Internet entfernen zu lassen indem sie den Fotographen verklagte und 50 Millionen Dollar Schadenersatz für die Verletzung ihrer Privatsphäre forderte. Vor der Klage war das Foto von Streisands Wohnhaus nur sechs Mal heruntergeladen worden, davon zwei Mal von ihren Anwälten. Die Klage machte das Foto von Barbaras Haus zu einem Internet-Hit, und erhöhte die Anzahl der Downloads  innerhalb eines Monats auf über 420.000.

Beispiel: Klassische Fälle des Streisand-Effekts sind juristisches Vorgehen gegen Leaks, Whistleblower-Dokumente oder investigative Berichte. Gerade diese Abmahnungen, Klagen oder Sperrungen führend nicht zur Eindämmung, sondern provozieren gesteigerte Suchanfragen, Medienberichterstattung und Weiterverbreitung.

Zentrale psychologische Mechanismen:

Psychologische Reaktanz

Der Streisand-Effekt lässt sich unterm Strich am saubersten als Reaktanzproblem lesen. Das heißt, sobald Menschen das Gefühl haben, dass ihre Informations- oder Meinungsfreiheit eingeschränkt wird ( = “Das darfst du nicht sehen”), erzeugt das oft eine Kombination aus Ärger und Gegenargumenten.  Verbote und Löschversuche werden dann nicht als neutrale Schadensbegrenzung wahrgenommen, sondern als Versuch etwas zu vertuschen oder zu kontrollieren. Und das macht neugierig. Inhalte, denen man vorher vermutlich keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, werden dadurch plötzlich interessant genug, um sie aktiv zu suchen und zu teilen. Reaktanz triggert sozusagen ein innerliches  „jetzt erst recht!“ – Gegenprogramm.

Aufwertung & “Forbidden Fruit” (Knappheit macht sexy – leider)

Unterdrückte Inhalte gewinnen oft an subjektivem Wert, weil Beschränkungen wie ein Qualitätssignal wirken kann. Einfacher gesagt: Wenn jemand etwas verstecken will, muss es relevant sein. Das ist nicht zwingend rational, aber psychologisch plausibel: Knappheit erhöht Attraktivität, und Zensur produziert Knappheit. In politischen Kontexten kommt dazu, dass “unterdrückt” schnell als “die Wahrheit wird versteckt” fehlinterpretiert werden kann.

Neugier & Informationslücken (das “Removed”-Schild als Werbeanzeige)

Digitale Plattformen sind Meister darin, unbeabsichtigt Neugier zu erzeugen: Ein entfernter Post, ein gesperrtes Video, ein geschwärzter Absatz – das sind nicht nur Barrieren, sondern auch Einladungen an den inneren Sherlock Holmes, darüber zu grübeln, was eigentlich in die entstandenen Leerraum gehört. Das passt direkt zur Informationslücken-Theorie der Neugier: Wenn Aufmerksamkeit auf Wissenslücken gelenkt wird, erzeugt das ein aversives “Nicht-wissen-Gefühl”, das Menschen dann durch aktive Informationssuche reduzieren wollen. Der Löschversuch wird damit selbst zum Trigger von Aufmerksamkeit – auch bei Leuten, für die das Thema vorher vermutlich völlig uninteressant gewesen wäre.

Soziale Verstärkung im Netzwerk

Im Netz verbreitet sich selten nur der Inhalt – es verbreitet sich das Ereignis und das Aufsehen ( = „da will jemand was verbieten!„) das den Inhalt umgibt. Das erzeugt ein soziales Echo (Empörung, Solidarität, “das darf man nicht sagen”), welches wiederum die Reichweite erhöht. Ergebnis ist, dass Dingen bereits Aufmerksamkeit bekommen, überproportional noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Diese selbstverstärkende Interaktion zwischen Bewertung und Interaktion wird auch als „Herding“ bezeichnet.

Kurz: Der Streisand-Effekt ist das psychologische Paradox „Nicht hinschauen!“ – und alle schauen hin. Verbote triggern Reaktanz, machen Inhalte durch Knappheit attraktiver, erzeugen Neugier durch sichtbare Lücken und werden online durch Empörungsdynamiken und Herding massiv verstärkt.

Antidotes:

  • Gelassenheit und Transparenz helfen, weil sie Reaktanz gar nicht erst provozieren. Wer erklärt, warum etwas problematisch ist (und was stattdessen gilt), wird seltener als Kontrollinstanz gelesen als jemand, der heimlich und kommentarlos löscht.
  • Proaktive Kommunikation hilft, weil sie Informationslücken schließt, bevor das “Removed”-Schild Neugier produziert.
  • Kontextualisieren statt Unterdrücken hilft, weil Kontext ist ein Spielverderber ist, der dem Verbot den Unterhaltungswert wegnimmt. Er erlaubt Inhalte als falsch oder irreführend zu markieren, einzuordnen und mit Alternativerklärungen zu koppeln.
    • Aber: Es gibt durchaus Kontexte, in denen Entfernen von Inhalten deren Reichweite reduziert. “Streisand” ist daher eher ein Risiko-Profil als ein Naturgesetz.

Quellen

Brehm, J. W. (1966). A theory of psychological reactance. Academic Press.

Hobbs, W. R., & Roberts, M. E. (2018). How sudden censorship can increase access to information. American Political Science Review, 112(3), 621–636.

Jansen, S. C., & Martin, B. (2015). The Streisand effect and censorship backfire. International Journal of Communication, 9, 656–671.

Loewenstein, G. (1994). The psychology of curiosity: A review and reinterpretation. Psychological Bulletin, 116(1), 75–98.

Muchnik, L., Aral, S., & Taylor, S. J. (2013). Social influence bias: A randomized experiment. Science, 341(6146), 647–651.

Rains, S. A. (2013). The nature of psychological reactance revisited: A meta-analytic review. Human Communication Research, 39(1), 47–73.


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