Warum gut gemeinte Appelle oft paradoxerweise nach hinten losgehen: Der Boomerang-Effekt beschreibt, warum Kampagnen, Warnungen und moralische Appelle manchmal adressiertes Verhalten oder Einstellungen sogar verstärken können, anstatt sie zu vermindern. Entscheidend ist dabei weniger, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird – und ob die Botschaft Autonomie, Identität oder Alltagserfahrung angreift.

Kaum ein Thema kehrt so zuverlässig zurück wie die Neujahrsdebatte über Böller und Raketen. Jedes Jahr die gleichen Argumente: überlastete Notaufnahmen, erschöpfte Einsatzkräfte, Feinstaub, CO₂, verängstigte Tiere, verlorene Finger. Und jedes Jahr die gleiche, Schlussfolgerung: Eigentlich müsste man das doch endlich mal verbieten. Rational einleuchtend, da zu Silvester jeder Volltrunkene, auf offener Straße mit Pyrotechnik oder Schwarzpulver hantieren darf, für die man die restlichen 364 Tage im Jahr einen Sachkundenachweise braucht.

Geändert hat sich dadurch bisher nichts. 2025 ist allerdings etwas interessantes passiert: Kaum beschließt ein Nachbarland tatsächlich ein Verbot, steigen hierzulande die Verkaufszahlen für Feuerwerkskörper spürbar an. Mehr Umsatz, mehr Knall, mehr „jetzt erst recht“. Der Versuch, ein Verhalten einzudämmen, scheint es ausgerechnet attraktiver zu machen. Psychologisch ist das, im Gegensatz zu verlorenen Gliedmaßen, kein Unfall, sondern ein bekanntes Muster.

Dass gut gemeinte Überzeugungsversuche nicht nur scheitern, sondern mitunter exakt das Gegenteil bewirken können, nennt sich Boomerang-Effekt. Und um genau diesen geht es hier im neunten Teil der Reihe zu bekannten psychologischen Effekten und Phänomenen.

Der Boomerang-Effekt

Definition: Der Boomerang-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Überzeugungsversuche, mit dem Ziel  Einstellungen oder Verhalten gezielt zu verändern, eine Gegenreaktion auslösen: Statt Abschwächung kommt es zur Verfestigung oder sogar Verstärkung der ursprünglichen Haltung.

Ursprung: Sozialpsychologische Kommunikationsforschung durch Hovland, Janis & Kelley (1953) im Rahmen der frühen Persuasionsstudien der Yale-Gruppe.

Beispiel: Ein Werbespot, der zu aufdringlich wirkt, senkt die Kaufbereitschaft. Jeder der schon mal wegen einem aggressiven Add, ein YouTube Video abgebrochen hat, weiß wovon ich spreche.

Zentrale psychologische Mechanismen:

Die Mechanismen, die den Boomerang-Effekt erklären, lassen sich in zwei Hauptkategorien unterteilen: beabsichtigte und unbeabsichtigte Konstruktaktivierung.

Im ersten Fall verarbeiten Menschen eine Botschaft so, wie sie gemeint ist, entscheiden sich aber dennoch bewusst, sie zu ignorieren oder ihr zu widersprechen. Im zweiten Fall reagieren Empfänger  weniger auf das was gesagt wird, und mehr darauf wie es gesagt wird – und verfehlen dadurch den eigentlichen Punkt der Message. Beide Vorgänge sorgen dafür, dass eine Botschaft am Ende einen gegenteiligen Effekt auslösen kann.

Beabsichtigte Konstruktaktivierung

Psychologische Reaktanz

Menschen lassen sich nicht gerne sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Wenn Botschaften als Einschränkung persönlicher Freiheit wahrgenommen werden, kann das angesprochene Thema, dadurch erst recht attraktiv werden. Wenn z.B. starke Überzeugungsversuche, wie Anti-Raucher Kampagnen, als Eingriff in die Entscheidungsfreiheit wahrgenommen werden, kann das zu Widerstand und Trotzreaktionen führen – frei nach dem Motto „Jetzt erst recht!“
Der Effekt richtet sich nicht nur gegen die Botschaft als solche, sondern oft auch gegen deren Quelle. Um beim Beispiel zu bleiben: Nicht nur „Rauchen ist schädlich, lass das besser“ erzeugt Zähneknirschen, sondern auch der Hausarzt oder das Gesundheitsamt werden als Diktatoren abgestempelt.

Wertschätzung knapper Ressourcen (Commodity Theory)

Dinge die verboten, limitiert oder moralisch sanktioniert werden, wirken durch diese Einschränkungen subjektiv wertvoller. Die wahrgenommene Knappheit einer Ressource macht sie begehrenswerter. Ein schönes Beispiel dafür ist das panische Einkaufen von Toilettenpapier während der Coronapandemie, das selbst bei echten Hamstern für eine gehobene Augenbraue gesorgt hätte. 

Ironische Verarbeitung & Angstkontrolle

Aufforderungen zur Vermeidung oder Unterdrückung bestimmter Gedanken können genau das Gegenteil bewirken. Klassisches Beispiel: „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten.“ Der Elefant ist sofort da. Gesundheitskampagnen, die permanent vor Substanzen oder riskantem Verhalten warnen, können so genau die Gedanken aktivieren, die eigentlich vermieden werden sollen.
Davon zu unterscheiden ist Angstkontrolle: Wenn Botschaften stark auf Bedrohung setzen, aber wenig realistische Handlungsoptionen bieten, wird nicht das Verhalten reguliert, sondern die Angst selbst. Menschen schalten ab, relativieren, bagatellisieren oder lehnen die Botschaft komplett ab – nicht weil sie sie nicht verstanden haben, sondern weil sie zu überwältigend wirkt.

Identitäts- und Wertebedrohung

Boomerang-Effekte treten besonders dann auf, wenn Botschaften nicht nur Verhalten kritisieren, sondern implizit Identität oder Werte angreifen. Aussagen wie „Verantwortungsvolle Menschen tun X nicht“ funktionieren selten neutral, sondern markieren eine soziale Trennlinie: Wer X tut, gehört offenbar zum falschen Lager. Wenn sich Menschen jedoch genau über dieses Verhalten definieren – etwa über Fleischkonsum, Autofahren oder Rauchen – wird die Botschaft als Angriff auf die eigene Person aufgefasst. Und wenn’s persönlich wird, sind typische Reaktionen Abwehr und  Rechtfertigung. Die eigene Position wird dann häufig nicht nur verteidigt, sondern sogar noch stärker vertreten als zuvor.

Nachrichtendiskrepanz (zu weit weg von der eigenen Realität)

Je stärker eine Botschaft von der eigenen Lebensrealitäten abweicht, desto wahrscheinlicher löst sie Ablehnung aus. Forderungen, die als überzogen, unrealistisch oder moralisch entrückt wahrgenommen werden („Man müsste einfach komplett auf X verzichten“), wirken dann nicht motivierend, sondern entfremdend. Das erzeugt Widerstand, da die Botschaft nicht als hilfreicher Impuls verarbeitet wird, sondern als Beleg dafür, dass „die andere Seite“ den eigenen Alltag nicht versteht.

Unbeabsichtigte Konstruktaktivierung

Fehlattribution von Motivation („Ich mache das nur wegen …“)

Menschen können ihr eigenes Verhalten falsch einordnen, wenn äußere Anreize zu stark betont werden. Wenn das Aufgeben von etwas (Rauchen, Alkohol, zu viel Süßes) an eine Belohnung gekoppelt ist, kann die eigene Motivation dadurch nicht mehr als selbstbestimmt wahrgenommen werden. Anders gesagt: man ändert zwar das eigene Verhalten, aber nicht primär weil man es selbst entschieden hat, sondern wegen der Belohnung. („Ich höre nur auf, weil ich dafür Geld bekomme“). Sobald der Anreiz wegfällt, bricht mit ihr auch das Gerüst der Motivation weg. Resultat: das ursprüngliche Verhalten wird wieder attraktiver.

Selektive Aufmerksamkeit und periphere Verarbeitung

Gerade wenn Menschen wenig Motivation oder Aufmerksamkeit haben, reagieren sie weniger auf die eigentliche Botschaft und stärker auf auffällige Nebenaspekte um sie herum. In Präventionskampagnen bleiben dann die drastischen Bilder, problematischen Beispiele und die damit verbundenen Emotionen hängen – aber leider nicht die beabsichtigte Warnung. Bei Kindern z.B. kann das dazu führen, dass gewalthaltige Szenen aus Medienkompetenzprogrammen stärker wirken als die Erklärung, warum Gewalt problematisch ist. Die Botschaft wird also wahrgenommen, ihr Kern aber verfehlt.

Fehlgeleitete Aktivierung sozialer Normen

Ein Boomerang-Effekt kann auch entstehen, wenn Botschaften unbeabsichtigt signalisieren, dass problematisches Verhalten weit verbreitet ist. Hinweise wie „Viele Jugendliche konsumieren gewalthaltige Medien“ oder „Immer mehr junge Menschen rauchen“ können als normative Information gelesen werden: Offenbar ist das normal. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann diese Wahrnehmung das unerwünschte Verhalten eher verstärken als reduzieren

Kurz: Der Boomerang-Effekt bezeichnet die paradoxe Reaktion, dass Überzeugungsversuche Widerstand statt Zustimmung auslösen. Auslöser sind vor allem wahrgenommene Bedrohungen von Autonomie oder Identität, Aufwertung vermeintlich knapper Ressourcen, sowie eine schlechte Passung zwischen Botschaft und Lebensrealität. Zusätzlich können fehlgeleitete Aufmerksamkeit, Emotionen oder falschverstandene Normhinweise unbeabsichtigt genau jene Einstellungen oder Verhaltensweisen verstärken, die eigentlich reduziert werden sollen.

Antidotes:

Autonomie betonen, statt zu bevormunden. Botschaften, die Wahlfreiheit signalisieren, lösen deutlich weniger Reaktanz aus als direkte Handlungsanweisungen

Normen vorsichtig kommunizieren, indem man nicht betont, wie viele Menschen problematisches Verhalten zeigen, sondern hervorhebt, dass die Mehrheit es eben nicht tut. Wer sagt, „viele machen X“, signalisiert Normalität. Wirksamer ist es, positives Verhalten als Standard darzustellen („Die meisten machen X nicht“).

Identität nicht angreifen, sondern Verhalten vom Selbstwert trennen. Botschaften, die implizit Werte oder Zugehörigkeit infrage stellen, lösen leider besonders zuverlässig Gegenreaktionen aus.

Realistische, erreichbare Optionen anbieten, statt Maximalforderungen zu formulieren. Eine zu große Diskrepanzen zwischen Botschaft und Lebensrealität begünstigt Abwehrverhalten.

Angst dosieren und mit Handlungsspielraum koppeln, da Bedrohung ohne wahrgenommene Selbstwirksamkeit eher zu Vermeidung und Ablehnung führt, als zu Verhaltensänderung.

Positive Frames und Selbstwirksamkeit nutzen. Lösungsorientierte Botschaften („Was du gewinnen kannst“) erzeugen weniger Widerstand als Schuld-, Verlust- oder Drohframes.

Quellen

Byrne, S., & Hart, P. S. (2009). The boomerang effect: A synthesis of findings and a preliminary theoretical framework. Annals of the International Communication Association, 33(1), 3–37. https://doi.org/10.1080/23808985.2009.11679083

Hovland, C. I., Janis, I. L., & Kelley, H. H. (1953). Communication and persuasion: Psychological studies of opinion change. Yale University Press.

Kim, S. Y., Levine, T. R., & Allen, M. (2017). The intertwined model of reactance for resistance and persuasive boomerang. Communication Research, 44(3), 299–316. https://doi.org/10.1177/0093650214548575

Ma, Y., & Hmielowski, J. D. (2022). Are you threatening me? Identity threat, resistance to persuasion, and boomerang effects in environmental communication. Environmental Communication, 16(7), 887–905. https://doi.org/10.1080/17524032.2021.1994442

Sprengholz, P., Tannert, S., & Betsch, C. (2023). Explaining boomerang effects in persuasive health communication: How psychological reactance to healthy eating messages elevates attention to unhealthy food. Journal of Health Communication, 28(5), 359–370. https://doi.org/10.1080/10810730.2023.2217098

Zhao, X., & Fink, E. L. (2021). Proattitudinal versus counterattitudinal messages: Message discrepancy, reactance, and the boomerang effect. Communication Monographs, 88(1), 3–27. https://doi.org/10.1080/03637751.2020.1813317


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