Warum Menschen sich anders verhalten, sobald jemand hinschaut – Der Hawthorne-Effekt beschreibt die Tendenz, Verhalten allein durch die Wahrnehmung von Beobachtung zu verändern. Er entsteht durch erhöhte Selbstaufmerksamkeit, soziale Erwünschtheit und Erwartungseffekte und lässt sich nicht vollständig vermeiden, aber durch gutes Studiendesign, alltagsnahe Messungen und transparente Rahmung gezielt abschwächen oder nutzen.
Dezember 14, 2025
„Big Brother is watching you.“
Ein Satz, der ursprünglich als Warnung gedacht war, heute aber erstaunlich zuverlässig wirkt, wenn man möchte, dass Menschen sich benehmen. Kaum hängt irgendwo eine Kamera, ein Kontrollschild oder nur der dezente Hinweis „Dieser Bereich wird überwacht“, werden Hände gründlicher gewaschen, Regeln genauer befolgt und plötzlich Dinge getan, die man sonst gern vergisst. Wer also wirklich sicherstellen möchte, dass Gäste nach dem Toilettengang ihre Hände waschen, müsste streng genommen nur eine gut sichtbare Kamera im Badezimmer anbringen – gesellschaftlich fragwürdig, psychologisch aber erstaunlich effektiv.
Dass Menschen ihr Verhalten ändern, sobald sie wissen oder vermuten, beobachtet zu werden, ist ein gut untersuchtes Phänomen und nennt sich „Hawthorne-Effekt“. Und um genau den geht es hier im sechsten Teil dieser Reihe zu bekannten Effekten und Phänomenen.
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Von Dunning-Kruger über Placebo- bis hin zum Backfire-Effekt – Diese Beitragsserie wirft jede Woche einen Blick darauf, wie solche Phänomene…
Der Hawthorne-Effekt
Definition: Menschen ändern ihr Verhalten, wenn sie wissen oder vermuten, dass sie beobachtet werden.
Ursprung: Der Hawthorne-Effekt geht auf Experimente in den 1920er-Jahren im Hawthorne-Werk von Western Electric zurück. Dort stellten Forscher fest, dass Arbeiterinnen ihre Leistung nicht wegen besserer Arbeitsbedingungen steigerten, sondern weil sie wussten, dass sie beobachtet und Teil einer wichtigen Untersuchung waren.
Beispiel: Pflegekräfte dokumentieren sorgfältiger oder halten Hygienestandards strenger ein, sobald sie wissen, dass eine Qualitätsprüfung oder ein Vorgesetzter anwesend ist.
Zentrale psychologische Mechanismen:
Aufmerksamkeitsfokus / Selbstaufmerksamkeit
Das Bewusstsein, beobachtet zu werden, führt zu erhöhter Selbstaufmerksamkeit. Heißt: Menschem achten stärker darauf, was sie tun, wie sie wirken und ob ihr Verhalten sozialen Erwartungen und Normen entspricht. Als Folge dessen werden Handlungen bewusster reguliert und gewohnte Routinen unterbrochen oder angepasst , etwa indem Vorgaben genauer befolgt oder Fehler aktiver vermieden werden. Kurz gesagt: Wer weiß, dass jemand einem auf die Finger schaut, verhält sich weniger „automatisch“ und mehr normorientiert (Adair, 1984; Berkhout et al., 2022).
Soziale Erwünschtheit
Sobald Menschen den Eindruck haben, ihr Verhalten könnte bewertet oder dokumentiert werden, orientieren sie sich an dem, was sie für sozial erwünscht oder „professionell“ halten – unabhängig davon, wie sie sich sonst verhalten würden. In Forschungskontexten betrifft das sowohl Antworten auf Fragebögen als auch beobachtetes Verhalten: Man zeigt sich gewissenhafter, kooperativer oder normkonformer, weil man von sich selbst ein positives Bild vermitteln möchte. (Sedgwick & Greenwood, 2015; McCambridge, Witton & Elbourne, 2014).
Feedback- und Erwartungseffekte (Demand Characteristics)
Teilnehmende reagieren nicht nur auf die Tatsache, beobachtet zu werden, sondern auch auf tatsächliche oder vermutete Erwartungen von z.B. Wissenschaftlern oder Vorgesetzten. Schon subtile Signale – wie Wissen über den Zweck einer Studie, Formulierungen in Instruktionen oder die Körpersprache der Beobachter – können dazu führen, dass sich Personen im „Sinne des Experiments“ verhalten. Der Kontext wird gewissermaßen zu einem Placebo: Verhalten verändert sich, weil die Beteiligten glauben, dass es sich verändern sollte, nicht (nur), weil eine Intervention objektiv wirksam ist (McCambridge, Witton & Elbourne, 2014; Orne, 1962).
Motivationale Aktivierung / Wahrgenommene Wertschätzung
Beobachtet zu werden, kann auch als Form von Anerkennung oder Aufwertung interpretiert werden: Wer den Eindruck hat, dass seine Arbeit oder sein Verhalten plötzlich wichtig genug ist, um gemessen zu werden, kann das mitunter als Status- oder Bedeutungsgewinn auffassen. Sich wichtig und wertgeschätzt fühlen ist ein starker Motivations-Booster. Im Kontext von Studien oder Kontrollen gibt man sich daher mehr Mühe, ist aufmerksamer und strengt sich an, „eine gute Figur“ zu machen – zumindest kurzfristig. Die motivationale Wirkung durch den Hawthorne-Effekt ist vor allem zu Beginn von Untersuchungen oder Prüfungen stark und flachen oft ab, sobald sich Leute daran gewöhnt haben, beobachtet zu werden. (Schwartz, Fischhoff & Krishnamurti, 2013; Berkhout et al., 2022).
Kurz: Der Hawthorne-Effekt bezeichnet die Tendenz, Verhalten allein durch die Wahrnehmung von Beobachtung zu verändern. Wer weiß, dass er gesehen wird, verhält sich bewusster, normkonformer und ist oft (kurzfristig) motivierter – nicht unbedingt, weil sich die Situation objektiv verändert hat, sondern weil Aufmerksamkeit Erwartungen erzeugt. Das Phänomen ist damit eher ein Oberbegriff für verschiedene Formen von Reaktivität als ein einzelner Mechanismus.
Antidotes:
Der Hawthorne-Effekt ist ein wenig tricky, da er, je nach Kontext, einerseits ein methodisch relevantes Problem sein kann, und zugleich Potenzial zur Verhaltensoptimierung mit sich bringt.
- Langzeitbeobachtungen können kurzfristige Effekte abfangen, da sich Menschen mit der Zeit an die Beobachtung gewöhnen und das anfängliche „Jetzt schaut jemand zu“-Verhalten meist nachlässt.
- Anonymität und Vertraulichkeit sichern um Angst vor individueller Bewertung und Druck sich „besser“ zu verhalten zu reduzieren – vor allem wenn Menschen befürchten, als Individuum bewertet zu werden.
- Indirekte Messmethoden nutzen um Verhaltensbeobachtung weniger offensichtlich zu machen, etwa durch automatische Sensoren oder Routinedaten statt sichtbarer Kameras oder anwesender Beobachter.
- Natürliche Settings bevorzugen: Je stärker eine Situation dem normalen Alltag entspricht, desto geringer ist der Einfluss der Beobachtung, da sich Menschen in alltagsnahen Situationen weniger kontrolliert fühlen als in künstlichen oder stark formalisierten Settings. Feldstudien (statt Laborexperimente) z.B. reduzieren den Effekt deutlich.
- Offene Kommunikation & Transparenz darüber, dass nicht einzelne Personen, sondern Abläufe oder Systeme im Fokus stehen („Wir bewerten den Prozess, nicht Sie persönlich“), können soziale Erwünschtheit und den Druck sich normkonform zu verhalten spürbar reduzieren.
Quellen
Adair, J. G. (1984). The Hawthorne effect: A reconsideration of the methodological artifact. Journal of Applied Psychology, 69(2), 334–345. https://doi.org/10.1037/0021-9010.69.2.334
Berkhout, C., Berbra, O., Favre, J., Collins, C., Calafiore, M., Peremans, L., & Van Royen, P. (2022). Defining and evaluating the Hawthorne effect in primary care, a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Medicine, 9, 1033486.
McCambridge, J., Witton, J., & Elbourne, D. R. (2014). Systematic review of the Hawthorne effect: new concepts are needed to study research participation effects. Journal of clinical epidemiology, 67(3), 267-277.
Orne, M. T. (2017). On the social psychology of the psychological experiment: With particular reference to demand characteristics and their implications. In Sociological methods (pp. 279-299). Routledge.
Schwartz, D., Fischhoff, B., Krishnamurti, T., & Sowell, F. (2013). The Hawthorne effect and energy awareness. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(38), 15242-15246.
Sedgwick, P., & Greenwood, N. (2015). Understanding the Hawthorne effect. Bmj, 351.
Wu, K. S., Lee, S. S. J., Chen, J. K., Chen, Y. S., Tsai, H. C., Chen, Y. J., … & Lin, H. S. (2018). Identifying heterogeneity in the Hawthorne effect on hand hygiene observation: a cohort study of overtly and covertly observed results. BMC infectious diseases, 18(1), 369.
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