Der Sleeper-Effekt ist ein Gedächtnisphänomen und beschreibt, wie Aussagen aus fragwürdigen Quellen mit der Zeit an Glaubwürdigkeit gewinnen können, wenn wir uns an den Inhalt erinnern, aber vergessen, warum wir ihm ursprünglich misstraut haben.

„Irgendwas war da doch mal.“

Ein Satz, der erstaunlich oft der Anfang ziemlich fester Überzeugungen ist. Allerdings nicht, weil sie gut belegt ist – sondern weil man sie schon öfter gehört hat.
Dass Informationen aus unglaubwürdigen Quellen mit der Zeit dennoch plausibler erscheinen können, nennt sich Sleeper-Effekt. Um diesen speziellen Gedächtniseffekt geht es heute im achten Teil der Reihe zu bekannten Effekten und Phänomenen.

Der Sleeper-Effekt

Definition: Der Sleeper-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Botschaften aus zunächst unglaubwürdigen Quellen mit zeitlichem Abstand an Überzeugungskraft gewinnen können – nicht, weil sie besser werden, sondern weil die Quelle vergessen wird, während der Inhalt selbsr aber im Gedächtnis erhalten bleibt.

Ursprung: Der Effekt wurde erstmals von Carl Hovland Ende der 1940er-Jahre im Rahmen der Propagandaforschung an der Yale University beschrieben. In kontrollierten Experimenten zeigte sich, dass Aussagen aus fragwürdigen Quellen nach einer gewissen Zeit dennoch Glauben fanden, sobald Menschen den Ursprung der Informationen vergessen hatten.

Beispiel: In einem YouTube-Video wird beworben, dass „Detox-Tees den Körper entgiften und das Immunsystem stärken.“ Zunächst wird das Video als unseriös eingeordnet. Mit zeitlichem Abstand bleibt jedoch die Aussage präsent, während der Ursprung vergessen wird. Bei der nächsten Erkrankung erscheinen Detox-Tee plötzlich als plausibles Heilmittel.

Zentrale psychologische Mechanismen:

Discounting Cue Hypothesis

Der Sleeper-Effekt setzt voraus, dass eine Botschaft zunächst bewusst abgewertet wird. Solche Abwertung entsteht durch sogenannte discounting cues – Kontextinformationen, die beim Hören sofort Zweifel auslösen, ob eine Information oder Aussage korrekt ist. Ein Discounting Cue kann, muss aber kein expliziter Warnhinweis sein wie „Achtung, unseriöse Quelle!“. Manchmal reicht schon wer etwas sagt.

Nehmen wir mal ein fiktives Beispiel aus der Politik. Jemand sagt: „Abgeordneter X unterstützt Lobbyismus“.

Wenn diese Aussage ausgerechnet von jemandem aus der gegnerischen Partei kommt, denkt man sich als geneigter Zuhörer schnell: „Klar sagt der das – der hat ja ein Interesse daran, Abgeordneten X schlecht aussehen zu lassen.“
Die Aussage wird also automatisch skeptischer bewertet – nicht unbedingt, weil ihr Inhalt überprüft wurde, sondern weil die Quelle (= der Gegner) als voreingenommen gilt.
Genau diese Art von „opposition source“ reduziert kurzfristig die wahrgenommene Glaubwürdigkeit und damit die unmittelbare Überzeugungskraft der Botschaft. Der Discounting Cue ist also nicht „der Gegner ist unglaubwürdig“, sondern „Diese Information ist vermutlich verzerrt, weil sie von der Gegenseite kommt.“

Wichtig ist dabei: Die Information als solche (Abgeordneter X unterstützt Lobbyismus) wird trotzdem im Gedächtnis gespeichert – nur eben zunächst mit einem großen mentalen „klingt fragwürdig“-Stempel.

Quellen–Inhalts-Entkopplung

Mit zeitlichem Abstand verblasst die Erinnerung an die Quelle oft schneller als die Erinnerung an den Inhalt. In unserem Beispiel würde das Bedeuten: Die Aussage „Abgeordneter X unterstützt Lobbyismus“ bleibt im Gedächtnis erhalten, dass ein politische Gegner die Informationsquelle war, wird jedoch vergessen.
Und genau das ist der entscheidende Hebel: Wenn das anfängliche Misstrauenssignal (z. B. „kam von der Gegenseite“) nicht mehr präsent ist, bleibt nur eine Aussage übrig, die man beim späteren Wiederhören zwar wiedererkennt, aber nicht mehr sauber einordnen kann. Beim späteren Abruf aus dem Gedächtnis  wird die Botschaft dann bewertet, ohne dass der ursprüngliche Discounting Cue noch verfügbar ist – und genau dadurch kann sie nachträglich plausibler wirken als direkt nach der ersten Begegnung („habe ich schon mal irgendwo gehört, stimmt wahrscheinlich“).

Diese Source-Monitoring-Prozesse erklären, warum das häufig unbemerkt passiert: Man erinnert sich dass man etwas gehört hat, aber nicht mehr zuverlässig woher – und damit auch nicht mehr, warum man der Aussage ursprünglich misstraut hat.

Emotionale Residuen

Emotionale Reaktionen, die durch eine Botschaft ausgelöst werden, bleiben oft länger im Gedächtnis als sachliche Details oder Kontextinformationen. Besonders Inhalte, die Wut, Empörung oder Angst hervorrufen, werden besser erinnert und leichter wiedererkannt. Gerade in politischen Kontexten ist das relevant, weil Aussagen und Reden häufig nicht nur informieren, sondern affektiv aufladen sollen.

Im Zusammenspiel mit dem Sleeper-Effekt bedeutet das: Der Affekt, den eine Information ausgelöst hat, kann über die Zeit erhalten bleiben, während die Erinnerung daran, wer die Aussage gemacht hat und aus welchem Interesse heraus, verblasst. Übrig bleibt ein emotional eingefärbter Inhalt („da war doch etwas Skandalöses“), ohne den ursprünglichen Quellenkontext, der zur Skepsis Anlass gegeben hätte. Emotionale Ladung alleine erzeugt zwar keinen Sleeper-Effekt, kann diesen aber verstärken, indem sie die Quellen-Inhalts-Entkopplung begünstigt.

Kurz: Der Sleeper-Effekt beschreibt, dass zunächst abgewertete Aussagen später plausibler wirken können, weil man sich an den Inhalt erinnert, aber nicht mehr daran, warum man ihm misstraut hat. Emotionen erzeugt den Effekt nicht automatisch, können ihn aber verstärken, weil affektiv aufgeladene Inhalte besonders gut im Gedächtnis haften bleiben, während Quelleninformationen vergleichsweise leicht verloren gehen.

Kritik am Modell 

Der Sleeper-Effekt existiert, aber er tritt zum einen selten und zum anderen oft nur unter engen Bedingungen und nicht zuverlässig auf. Viele klassische Replikationsversuche scheiterten oder fanden nur sehr schwache Effekte. In der modernen Forschung wird er entsprechend nicht als robuster Alltagsmechanismus oder  Allzweck-Erklärung für Desinformation behandelt, sondern als ein Spezialfall von Quellen- und Gedächtniseffekten.

Antidotes:

  • Quelle sichtbar halten, indem Botschaft und Herkunft konsequent gemeinsam präsentiert werden – auch dann, wenn die Aussage später erneut auftaucht („wer sagt das eigentlich, und aus welchem Interesse heraus?“).
  • Warnhinweise wiederholen, weil Skepsis, die nur beim ersten Kontakt vorhanden ist, mit der Zeit verblasst und beim erneuten Erinnern der Aussage oft nicht mehr automatisch aktiviert wird.
  • Vertrautheit bewusst entlarven, indem man sich beim Wiederhören aktiv fragt, ob eine Aussage plausibel wirkt, weil sie gut belegt ist – oder lediglich, weil sie vertraut klingt.
  • Emotionale Reaktionen bremsen, da Empörung, Angst oder Wut Inhalte besonders gut im Gedächtnis verankern, während der ursprüngliche Quellenkontext oft schneller verloren geht.
  • Vorwarnen statt nur korrigieren, indem typische Manipulationsmuster früh erklärt werden, was nachweislich robuster schützt als spätes Debunking einzelner falscher Aussagen.

Quellen

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