Ihre ganz individuelle Persönlichkeitsanalyse:
„Sie haben ein starkes Bedürfnis, von anderen Menschen gemocht und bewundert zu werden. Sie neigen dazu, sich selbst kritisch zu beurteilen. … Manchmal haben Sie ernsthafte Zweifel, ob Sie die richtige Entscheidung getroffen oder das Richtige getan haben. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Veränderung und Abwechslung und sind unzufrieden, wenn Sie durch Einschränkungen und Begrenzungen eingeengt werden. Sie sind stolz darauf, ein unabhängiger Denker zu sein, und akzeptieren andere Meinungen nicht ohne zufriedenstellende Beweise. Sie halten es für unklug, sich anderen gegenüber zu offen zu zeigen. Manchmal sind Sie extrovertiert, umgänglich und gesellig, manchmal sind Sie introvertiert, vorsichtig und zurückhaltend. Einige Ihrer Bestrebungen sind eher unrealistisch.“

Na, haben Sie da nicht auch an mindestens 1-2 Stellen gedacht „könnte auch auf mich zutreffen“?
Kein Wunder, denn der Text ist absichtlich so konzipiert, dass sich quasi jeder darin wiederfinden kann. Es ist eine Übersetzung von dem Oiginaltext den Bertram Forer – der Begründer des Barnum-Effekts – damals seinen Versuchsteilnehmern als ganz individuelles Persönlichkeitsprofil präsentierte.

Um genau den soll es heute im dritten Teil der Beitragsserie über die psychologischen Mechanismen hinter bekannten Effekten und Phänomenen gehen.

Der Barnum-Effekt

Definition: Die Tendenz von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen als sehr spezifisch und auf sich persönlich zutreffend wahrzunehmen.

Ursprung: Experimente von Bertram Forer (1949). Der Name „Barnum“ verweist auf den Zirkusunterhalter P. T. Barnum, dessen Geschäftsmodell „A little something for everybody“ lautete. Seine Shows waren darauf ausgerichtet möglichst viele Menschen gleichzeitig anzusprechen.

Beispiel: Horoskope oder pseudowissenschaftliche Persönlichkeitstests werden als hochgradig zutreffend empfunden, obwohl die Aussagen allgemein genug sind, um für jeden zu passen (z.B. „Sie neigen manchmal zu Selbstzweifel, wenn wichtige Entscheidungen anstehen“. (No shit Sherlock. Wer nicht?)

Zentrale psychologische Mechanismen:

  • Vagheit und Allgemeingültigkeit: Die Aussagen sind so formuliert, dass sie fast auf jeden zutreffen können, aber gleichzeitig subjektiv als individuell passend erlebt werden. Mit anderen Worten: Barnum- Aussagen sind allgemeine „One Size fits all“-Statements, bei denen für jeden etwas dabei ist.
  • Selektive Wahrnehmung: Unser Gehirn hat einen eingebauten „passt das oder kann das weg?“-Filter. Der sorgt dafür, dass Menschen sich besonders die Aussagen merken, die gut zu ihnen passen und gleichzeitig Unstimmigkeiten ausblenden. Dadurch wirken Beschreibungen wie Volltreffer, obwohl sie objektiv unspezifisch sind.
  • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Menschen suchen aktiv nach Hinweisen, die ihr bestehenden Annahmen untermauern, und übersehen Widersprüche. Das gilt auch für das Selbstbild. Aussage die die Selbstwahrnehmung bestätigen, fühlen sich dadurch sofort glaubwürdig an – nicht, weil sie objektiv wahr ist, sondern weil sie „in die Geschichte passt“, die wir über uns erzählen.
  • Selbstverifikation: Menschen wollen, dass Informationen über sie zutreffend sind. Niemand liest gerne Horoskope oder macht Persönlichkeitstests, in denen man sich am Ende nicht wiederfindet. Wenn vage Beschreibungen genug „Jup, könnte ich sein“-Treffer liefern, fühlt man sich bereits bestätigt.
  • Emotionale Resonanz: Wenn eine Aussage Gefühle anspricht („Du hast schon viel durchgemacht, bist aber stärker daraus hervorgegangen“), entsteht emotionale Nähe. Diese emotionale Reaktion wird oft mit „Wahrheit“ verwechselt.
  • Bedürfnis nach Einzigartigkeit: Auch wenn die Aussagen allgemein sind, wünschen wir uns, als individuell besonders wahrgenommen zu werden. Dinge die (scheinbar) auf uns maßgeschneidert sind, fühlen sich dadurch exklusiv an.
  • Autorität und Kontext: Wenn das Feedback von einer scheinbar vertrauenswürdigen Quelle kommt – z. B. einem professionell wirkenden Test, einer Psychologin oder einem Horoskop – erhöht das automatisch die Glaubwürdigkeit.
  • Positivitätsverzerrung: Barnum-Aussagen sind meist freundlich und schmeichelhaft („Du bist ehrlich, aber manchmal zu selbstkritisch“). Solches positives Feedback streichelt das Selbstwertgefühl und wird deshalb lieber angenommen und als zutreffend bewertet, als kritische Aussagen.
  • Identitätsbildung: Bei Jugendlichen z. B. kann das Erleben von „ja, das bin ich“ (durch Barnum-Feedback) die Identitätsarbeit unterstützen, wodurch weitere Effekte (z. B. Wohlbefinden) folgen.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Menschen mit stärkerem Bedürfnis nach Selbstwertbestätigung, höherer Zustimmung oder weniger kritisch‐reflektiertem Stil könnten empfänglicher sein.

Antidotes:

Kritisches Denken und Quellenhinterfragen: Gezieltes Hinterfragen von Ursprung und Ziel von Informationen reduzieren nachweislich die Tendenz, Barnum-Aussagen unreflektiert zu akzeptieren (z. B. „Wurde das wirklich individuell für mich erstellt?“ oder „Welche Datenbasis liegt zugrunde?“)

Bewusstsein für Allgemeingültigkeit schaffen: Sich klarzumachen, dass viele „persönlichen“ Beschreibungen so allgemein formuliert sind, dass sie auf nahezu jeden zutreffen könnten, senkt die wahrgenommene Genauigkeit deutlich. Barnum-Aussagen wirken auf den ersten Blick individuell, offenbaren aber auf den zweiten keine besonderen Merkmale einer bestimmten Person oder soziokulturellen Gruppe

Emotionale Distanz und Reflexion: Der Barnum-Effekt wirkt besonders stark, wenn Feedback emotional positiv oder identitätsrelevant ist. Ein kurzer Moment emotionaler Distanz („Wie würde ich das einschätzen, wenn es um jemand anderen ginge?“) kann die Illusion der Passgenauigkeit reduzieren.

Differenzierung üben: Man kann den Barnum-Effekt zu reduzieren, indem man Beschreibungen und Aussagen hinsichtlich ihrer Ausprägung oder ihres Ausmaßes relativiert. Das ist ein Fähigkeit die man trainieren kann. Zum selber ausprobieren habe ich hier eine entsprechende Übung von Shiraev & Levy mitgebracht:

Übungseinheit – De-Barnumizing-Technik:

Ziel: Allgemeine („Barnum-“)Aussagen durch sprachliche Präzisierungen konkreter und überprüfbarer machen.

Anleitung: Formuliere vage Aussagen um, indem du sie mit zusätzlichen Qualifizierern, Modifikatoren oder Adverbien versiehst, die den Inhalt eingrenzen oder spezifizieren.

  • Qualifizierer (z. B. besonders, eher, überwiegend): machen deutlich, dass etwas in einem bestimmten Grad zutrifft.
  • Modifikatoren (z. B. im Vergleich zu anderen, in beruflichen Situationen): schränken den Kontext ein.
  • Adverbien (z. B. häufig, selten, tendenziell): geben Ausmaß oder Häufigkeit an.

Beispiele:

  • 1) Statt „Menschen möchten akzeptiert werden“ → „Menschen ist soziale Akzeptanz besonders (Q) dann wichtig, wenn sie sich in neuen Gruppen befinden (M).“.
  • 2) Statt „Er ist sensibel gegenüber Kritik“ → „Er reagiert besonders stark (Q) auf Kritik in beruflichen Kontexten (M).“
  • 3) Statt „Sie übernimmt gerne Verantwortung“ → „Sie übernimmt häufig (A) Verantwortung in Projekten mit klaren Strukturen (M).“

Sätze zum Üben:

  1. Barnum- Aussage: Die amerikanischen Ureinwohner sind naturverbunden.
    Entbarnumisierte Aussage: ________________________
     
  2. Barnum Aussage: Du bist ein Mensch, der manchmal unterschätzt wird.
    Entbarnumisierte Aussage:  ________________________
     
  3. Barnum Aussage: Sie haben ein ungenutztes Potenzial, das Sie bald entfalten werden.
    Entbarnumisierte Aussage:  ________________________
Mögliche Lösungen

Zu 1: Im Vergleich zu Menschen aus großen Städten (M) achten amerikanische Ureinwohner besonders (Q) stark auf ihre Beziehung zur Natur.

Zu 2: Du wirst häufig (A) unterschätzt, vor allem (Q) in  beruflichen Situationen, in denen du ruhig oder zurückhaltend wirkst (M).

Zu 3: Du hast in letzter Zeit neue kreative Fähigkeiten (M) erlernt, die du besonders (Q) effektiv in deinem Beruf (M) einsetzen kannst.


Quellen

Davies, M. F. (1997). Evaluation of self-relevant information: Acceptance of favourable and unfavourable personality statements as feedback vs test items. Personality and individual differences23(5), 869-875.

Fichten, C. S., & Sunerton, B. (1983). Popular horoscopes and the “Barnum effect”. The Journal of Psychology114(1), 123-134.

Furnham, A., & Schofield, S. (1987). (In „The ‘Barnum Effect’ in Personality Assessment: A Review of the Literature“) – Reviewartikel. ResearchGate

Gonthier, C., & Thomassin, N. (2025). Getting students interested in psychological measurement by experiencing the Barnum effect. Teaching of Psychology52(2), 183-192.

Hua, J. & Zhou, Y.-X. (2023). Personality assessment usage and mental health among Chinese adolescents: A sequential mediation model of the Barnum effect and ego identity. Frontiers in Psychology. PMC

Johnson, J. T., Cain, L. M., Falke, T. L., Hayman, J., & Perillo, E. (1985). The“ Barnum effect“ revisited: Cognitive and motivational factors in the acceptance of personality descriptions. Journal of Personality and Social Psychology49(5), 1378.

Margasiński, A. (2013). Traps of psychological diagnosis on the example … The Barnum effect in a Polish sample. (Polnisch-sprachige Studie) UKSW Zeitschriften

Poškus, M. S. (2014). A new way of looking at the Barnum effect and its links to personality traits in groups receiving different types of personality feedback. Psichologija50, 95-105.


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